2002-2003Gedicht

Gedicht und Limerick – Schaffensphase März – April 2003






Das Ölraffinerie-Areal

Kuppeln
und weiße Zylinder
Kilometerlange Rohrleitungen

Ein Reich beginnt hier.
Ein Ölreich
Schwarzes Gold für grüne Dollars

Ein ganzes Areal,
gewidmet der Raffinerie.
Chemische Verfeinerung
Extraktion und Reinigung
Gesteigerte Oktanzahl
Höherer Wirkungsgrad

Ingenieursleistung
Rohre und eiserne Gebilde
regieren hier.

Das Öl reist,
bewegt sich um die Erde,
um hier zu landen.
Doch die Reise,
sie beginnt erst hier.

Von hier wird es gepumpt,
transportiert und verschifft.
Es landet in Motoren und Fabriken,
dieses verfeinerte Öl.

Unüberschaubare Wege
einer Flüssigkeit




Spielen auf der E3

Electronic Entertainment Expo
Kurz E3
Kürzel mit Klang

Das Größte vom Größten,
was Spiele angeht.
Die Erschaffung von Gamingwelten

Abkapselung
von der Realität
Abtauchen

Neuer Nihilismus
Nur das Spielen hat einen Sinn.

Virtuelle Kunstwerke
flimmern vor Augen.

Das Virtuelle wird immer realer.
Verwischte Dimensionen
Verschmelzung allen Seins

Wenn Grenzen verschwinden,
was verschwindet mit ihnen?




Der mühsame aufrechte Gang

Im Rahmen der Evolution
gibt’s manche Degeneration.
Doch der aufrechte Gang gehört nicht dazu,
sonst bräuchten wir ja keinen Schuh
und keine Sandalen-Sensation.




Straßenbuchhändler unter sich

Grüne Schatztruhen
entlang des Seineufers,
aufgereiht wie Perlen.
Aufklappbare Geschäfte
an der frischen Luft,
in der Kälte wie in der Hitze.

Kauzige Ladeninhaber,
eigenwillig,
störrisch,
aber menschlich.
Freiluftantiquare,
eine Pariser Erfindung.

Raritäten – Verkäufer wie Ware –
Bücher, neu und gebraucht,
alte Zeitungen,
Comics,
historische Postkarten.
Daneben auch Kitsch,
dem Cliché geschuldet,
ein Augenzwinkern.
Stöbern, lesen, vergessen,
fündig werden,
um den Preis feilschen.
Tiefgründige Gespräche
vor einer grünen Holzkiste.
Sonntagslektüre,
Nachschub.
Wir erhalten sie am Leben –
wie lange noch?




Vom Bahnhof zum Museum

Versunkener Bahnhof.
Gleise leise verschwunden.
Riesige Halle,
licht, hell, klar,
weiß.
Bahnhofsuhr noch da.
Anstelle der Züge
nehmen Bilder den Besucher mit auf die Reise.

Skulpturen locken leise in ihr Abteil.
Bänke zum Warten
auf die nächste Reise
mittendrin.

Augen geschlossen.
leises Tüten.
leises Zischeln.
Ist es ein Zug
aus längst verklungenen Zeiten?
Augen geöffnet.
Nein!
Schade. Welt noch da.
Hoch droben das Glasdach
lässt Weite rein, lädt zum Träumen ein.

Schnell aufgestanden.
vor Monet strammgestanden,
im Bild versunken,
Reise begonnen,
da ist es doch das leise Zischen.




Das karitative Event

Die finanzielle Nächstenliebe
steigt bei diesem Event rapide.
Es wird ziemlich viel gespendet,
mit einer Rekordsumme die Gala endet.
Ach, wenn es nur so bliebe!




Die Hauptstadt erstickt im Verkehr

Den ganzen Tag
lebendig,
nur nachts am Schlummern.
Laut, stinkend, ruppig,
kostet den letzten Nerv,
macht krank,
löscht das Individuum.
Vorprogrammiertes Chaos,
tagein, tagaus.

Eine Blechlawine
quält sich
wie ein Drache
von einer Richtung
in die andere
und abends
retour.

Paris! Warum tust du nichts?
Gegen diese Plage aller Tage?
Sie quält dich,
zersetzt deine Bauwerke,
terrorisiert deine Einwohner,
erschreckt deine Besucher.

Eine Plage! Eine Geißel!
Millionenfach erduldet,
niemandem sei’s geschuldet.
Sie gehört weg,
schneller als der Straßendreck.




Schonungslose Vergeltung auf allen Ebenen

Ist die nationale Sicherheit in Gefahr,
dann schlagen sie zu, das ist klar.
Ohne Rücksicht auf die Täter
wird Vergeltung geübt.

Rache ist das falsche Wort,
blutiger Ausgleich schon eher.
Bomben und Einmarsch

Aber auch auf anderen Ebenen
wird konsequent gehandelt.
Sanktionen und Beschränkungen

Wirtschaftskriege sind hart
Sie dauern Jahrzehnte
Und treffen härter
Als manche Bomben




Die Obdachlosen aus dem Park

Leben unter freiem Himmel
Zelte im Park
Sie sprießen wie Pilze
In vielen Farben

Einkaufswagen werden geschoben
Habseligkeiten residieren darin
Ein Leben auf vier kleinen Rädern
Laut krachend

Obdachlosigkeit
Wenige Anlaufstellen
Schnell sind sie besetzt
Kampf um Ressourcen
Streit um Waren
Verteilungskämpfe
Hier brechen sie aus!




Ein Bahnhöfchen behauptet sich

Ein Winzling,
schon ein echter Bahnhof?
Miniaturausgabe der großen Brüder:
Gare St. Lazare, Gare du Nord, Gare de l’Est…
Letzte Station vor St. Lazare
oder erste nach ihr.
Oft nur Durchfahrt.
Der Kleine hält kaum
noch Züge fest,
bleibt aber keckisch
nichts gibt ihm den Rest.
Besitzt schließlich
einen Schalter
wie die großen,
auch Bahnsteige
sogar lange.

Pont Cardinet wird so
schnell nicht bange.
Er behauptet sich
Schon mehr als 100 Jahr.
Eine Schließung schießlich
noch nie im Gespräch war.
Glück auf, kleiner Winzling!




Der Kirchturm von St. Augustine

Römisch-Katholisch
in einer gottlosen Stadt?

Ein Kirchturm trotzt
dem schnellen Wandel.

Langlebigkeit
in einer Stadt,
die nur das kurze Leben kennt.

So steht er da,
allein und doch
kennt er keine
Einsamkeit.

Ein Leuchtturm,
das ist er,
in einer Stadt,
die Lichter braucht.
So dringend.

Doch was kann er ausrichten?
Wie kann er ändern?
Andere zum Umdenken zu animieren?

Neue Wege müssen es sein.
Klerikaler Neustart
Unbekannte geistliche Pfade,
noch kaum betreten,
schon gar nicht ausgetreten.

Hart, aber nicht aussichtlos
Schwer denkbar, aber nicht unerreichbar
Der mögliche Wandel




Die endzeitliche Höllenvision

Des Erdbewohners Lohn
ist die Höllenvision.
Die Erdzeit hat geendet,
das Blatt sich gewendet,
nun wird einiges drohen!




Die Häutung des Luxusrefugiums

Verschwunden hinter Bauplanen,
die ein Trompe-l’Œil der richtigen Fassade.
Prächtig, mächtig, säulenhaft,
ein Gigant an gigantischem Platze.

Einst zu Hause einer Jeanne-Antoinette Poisson,
pardon Pompadour,
heute Luxusrefugium.

Gold-marmorne Halle,
klassische Drehtür als Eingang.
Schwere Brokatstoffe auf den Zimmern,
Jubelbalkon im ersten Stock.
Und liebliche Imperfektionen:
ein Koch in der Seitenstraße vor dem Mitarbeitereingang,
sitzend auf Mäuerchen
in voller Arbeitsmontur
auf eine Zigarettenlänge.
War das so vorgesehen?
Herrlich!
Im Vollendeten menschlich.
Möge es bald die Planen fallen lassen
und zu neuer Aktivität erwachen!




Aufreibende Hetzjagd

Pferdgetrappel der blutigen Art
Blutjagd im Wald
Hufenspuren der Vernichtung

Eine Fuchsjagd im vollen Galopp
Der Fuchs nur selten zeigt seinen Schopf.
Die Hundemeute, Spur nimmt sie auf.
Da sind die Pferde schon im vollen Lauf.

Alle suchen den roten Schopf,
denn nachher soll er in den Kochtopf.
Ihn zu erlegen ein Privileg,
der Meister der Jagd davor erbebt.




Blüte der Geisteswissenschaften

Ohne Musik
So ganz ohne Geschichte
Keine Kunst
Literatur gestrichen
Religion abgeschafft
und ohne Sprachen,
wie stünde es da um die Wissenschaft?

Die Geisteswissenschaften,
sie beleben das Geschäft
und füllen Lücken,
die keiner auszufüllen vermag.

In diesen Disziplinen,
da blüht der Geist,
vollbringt so manches Wunder.




Der Bruch des Siegels

Die Tür, die ist entriegelt,
dafür polizeilich versiegelt.
Doch einer öffnet sie
mit einem Tritt vom Knie:
Seine Freiheit ist besiegelt!




Kristalllüster weisen den Weg

Über rue Castiglione
Kristallleuchter
säumen den Weg,
schweben über Asphalt,
wiegen sich leicht im Wind,
verwunschenes Klirren.

Dann Place Vendôme erreicht.
Ringsum
Kristallleuchter am Boden,
auf Laternen.
Weihnachten – eisig
blau, weiß, kristallklar
rings um den Platz,
haben alle mitgemacht – Weihnachtsverschwörung –
auch Ritz:
Weiße Tannenbäume
mit Kristallketten,
kalten Leuchten
locken ins legendäre Innere.

Einmal im Kreis
gedreht.
Place Vendôme:
Kristall,
Klarheit,
Klirren.
Place Vendôme – Vorweihnachtszeit 2006.




Der Phönix aus der Asche

Verbrannter Autor,
eine Feder im Exil,
ohne das Land zu verlassen.
Schriftsteller auf breitester Front,
bekannt für seine Kinderwerke:
Emil und die Dektektive
jagen Pünktchen und Anton.
Das fliegende Klassenzimmer
zieht das doppelte Lottchen
an den Zöpfen.

Ein Nachdenker,
verpackte seine Kritik
in der Satire.
Verordnete Gedichte
als Medizin,
erhältlich in Doktor Kästners
Lyrischer Hausapotheke.




Kulturelle und religiöse Angelegenheiten

Die wichtige Kultur
zieht ihre Spur,
genauso wie die Religion,
zu jeder Okkasion,
durch die Menschheitsgeschichtentour.




Versammlung um das Martin-Luther-King-Denkmal

Weiße Dreiecke
Gen Himmel erhoben
Im Kreis angeordnet
Martin Luther King zu Ehren
Ein Stadtteil-Denkmal

Menschen versammeln sich gerne hier.
Besonders Unzufriedene.
Solche, die ändern wollen,
die nicht alles hinnehmen wollen.

Man diskutiert,
man klagt,
man weint
und demonstriert natürlich.

Hier hat man einen Traum,
hier darf man ihn haben.
Wo sonst wäre das noch möglich?




Die liebenswerten Mittelstandsfamilien

Sie halten zusammen, egal was kommen möge,
keine Katastrophe sie auseinanderzöge.
Wahre Loyalität und Aufopferungsbereitschaft
gibt jedem einen Familienmitglied Kraft.

Zwar zahlen sie viele Steuern
und hausen in kleinen Gemäuern.
Doch haben sie viel Freude aneinander.
Die Kinder fangen gemeinsam so manchen Salamander.




Die Blumenherberge voller Aussichten

Helle Innenausstattung,
luxuriös,
blumendurchtränkt,
farbenfroh,
beheimatet auf der Prachtstraße,
mit der es seinen Namen teilt.

Eleganz auf leisen Sohlen.
Zutritt über drei Eingänge,
ein Pastellpanoptikum.
Empfang an zwei Seiten,
ein jeder beizeiten begrüßt.
Im Marmorvestibül
verzaubert modern Art
den Gast.
Überall dezente Perfektion.

Fahnen aller Herren Länder
wehen über der Entrée.
Die Dachsuiten
versprechen die schönsten
Bilder vom Eiffelturm.

Acht Treppen hinauf,
dann nur noch schauen, staunen
vom einsamen Aussichtspunkt
am Ende der versteckten Wendeltreppe.
Die Grenze zwischen Monumenten,
Himmel verschwimmt,
alles ist Rundblick.

Wer möchte jemals von dort weg?
Die Terrassensuite niemals
mehr verlassen,
im Herzen von Paris verbleiben.




Ein Stammschloss aus dem 11. Jahrhundert

Einige Jahrhunderte alt
sind die Gemäuer richtig kalt.
Durch die Gänge wandert keiner mehr,
schon gar nicht mit Schwert oder Speer.
Nur ein Gespensterheulen schallt.




Ein Schlachtschiff öffnet die Pforten

Geschütze
Kabinen
Kajüte
Kojen
Rundgang im Schlachtschiff

Kombüse
Kammer
Messe
Das Innere ausgestellt

Bug
Heck
Tiefgang
Wasserlinie
In seichten Gewässern lebenswichtig

USS Iowa
Ein Überbleibsel vergangener Zeiten
Ein eindrucksvolles Museumsschiff
Ein Spiegel in die Vergangenheit
Mal ein düsterer Blick,
mal ein heiterer Blick.
Doch wichtig in jedem Fall.




Die französischen Duftmeister

Meisterdüfte
flirrten
einst durch
die Kapitale,
perfekt komponiert,
mit Genialität
kreiert,
vorher ungerochen.

Das 18. Jahrhundert
hörte es
zischen
aus den Alambiks.
Parfümeure der
unterschiedlichsten Couleur
entwarfen,
verbesserten,
schnupperten
unentwegt.
Über jeder Gasse
wehte
ein Wohlgeruch.
Geburt der Meisterparfümeure.




Vom olympischen Geist

Höchstleistungen
Spitzensport
Rekordjagd
Titelkampf
Medaillenregen

Nationen konkurrieren
um den besten Platz.

Modernes Kolosseum
Neue Gladiatorenkämpfe
Altes Prinzip
Im Grunde bleibt es gleich.

Man rennt,
und ringt.
Man springt,
und singt.

Disziplinen ändern sich kaum.
Interessante Beobachtung
des olympischen Geistes,
der seinem Motto
wohl stets treu bleibt.




Treffen im türkischen Bad

Im schönen Dampfbad
ist das Tuch viel zu schad.
Drum geht man einfach nackt hinein,
auch wenn andere anfangen zu schreien.
Alles andere ist zu fad!




Zu Besuch im Magiemuseum

Ein Zauberkeller
mit dem Charme
eines alten Gewölbes,
im Zentrum des Marais,
führen einige
Stufen direkt
hinein.

Magieartefakte
der verschiedensten Epochen,
der unterschiedlichsten Künstler.
Der Besucher verzaubert
von Kisten,
Stäben,
Hüten.
Geheimnisvoller Anblick
geheimnisvoller Objekte.

Zeichnungen, Plakate,
Werbungen einstiger Vorstellungen.
Büsten verblichener Zauberer
warten in Ecken,
künden von Geheimnis,
Düsterkeit, Zwielicht.

Die Bühne fehlt,
die Aktion,
Interaktion mit dem Publikum,
dennoch
apartes Museum.




Experimente im Theater

Ein Labor
für Theaterexperimente
für neue Wege in alten Sphären.

Abgrenzung zur nahen Konkurrenz
Die Underdog-Rolle nimmt man an,
nichts anderes bleibt ihnen übrig.

Experimentelle Stücke ihr Markenzeichen
Ihr neuer Treibstoff für kommende Zeiten

Abseits der Norm,
jenseits der Konvention,
da sind sie daheim.

Nie verlegen,
etwas Neues auszuprobieren.
Neuerfindungen am Stück
Für das Stück




Kindermädchen im Stress

Einst erfahrene Mütter,
im Umgang mit Säuglingen
und Kindern aller
Altersstufen vertraut.
Heute oft Au-pair-Mädchen,
Kinder hüten Kinder.
Der Schulbank
knapp entkommen,
in die Lebensarme
erst gesprungen,
zu unreif
für fordernden Nachwuchs.

Au-pair-Mädchen
umklammert
von Dauerüberforderung.
Die ersehnte Freiheit
im fremden Land
verkommt zur
Arbeitsfalle.




Sehr fernes Ferngespräch

Die Leitung knackt,
die Stimme hackt,
es ertönt ein lauter Piepton,
den Dienst quittiert das Telefon
bei diesem wackligen Kontakt!




Geheime Zeichen beim Essen

Die Kinder kommunizieren beim Essen mit Gesten,
um zu wissen wie der Geschmack so gewesen.
Sie warnen sich vor der Suppe
und imitieren den Blick einer schauderhaften Puppe.

Die Eltern bekommen das Ganze wohl mit,
doch gönnen sie ihnen den Spaßritt.
Die Geheimkommunikation der Kleinen,
die Freude, die sie meinen,
sollen sie genießen
und nicht zu Griesgramen verdrießen.




Kein Schlummerkummer

Mitternachtsschlummer
ohne Lärm.
Ruhezone im Zentrum.
Hier kann man schlafen,
sich erholen
für den nächsten Tag,
am Wochenende.
Ab in die Rue Clauzel,
ab in die Komfortzone.
Nur die Müllabfuhr stört früh,
wie überall.
Aber ansonsten
Verkehrswüste.
Ruheliebende Einwohner.
Schlummerkummer,
häufige Krankheit
in Paris.
Daran leidet in der Rue Clauzel
niemand.
Aber psst! Nicht weitersagen.
Die Clauzelianer
sind kauzig,
wollen unter sich bleiben.




Fünf steinerne Näherinnen

in ewigem Reigen gefangen.
Fünf Steinfrauen
in eingefrorener Pose
im Square Montholon.
Zueinander geneigt,
in unterschiedliche Richtungen
blickend.
Ein Monument
an die Näherinnen,
die Catherinettes,
stolze Kinder des Viertels,
Montholon-Mädchen.
Einst ausgeschwärmt
in die Modehäuser,
zu nähen
zuzuschneiden,
zu entwerfen.

Festgehalten
im Kostüm,
in Hüten,
Zeichen der Unverheirateten
über 25 Jahren.

Im Pariser Modeuniversum
Feier am 25. November,
dem Tag der heiligen Catherine.
Ausgelassene Feiern
im Schneideratelier
wogten einst hinaus
zum Straßenball.




Unbändige Wiedersehensfreude

Hat man sich länger nicht gesehen,
kann man einem herzlichen Empfang nicht entgehen.
Man liegt sich in den Armen
nennt des Anderen Namen
und möchte so schnell nicht mehr gehen.




Eine Mauer voller Liebe

In einem schmucklosen Park
lauern
auf einer Mauer
dreihundert Varianten
Ich liebe dich.
In zweihundertfünfzig Sprachen.
Wer wollte nicht romantisch werden
angesichts dieser Liebespower?

Wie Kreideanschriebe
auf einer schwarzen Tafel,
aufgeleuchtet durch die
verstreuten roten Herzen.

Darüber eine Dame im königsblauen Abendkleid,
Wächterin der Tafel,
Künderin einer kühnen Botschaft:
Lieben ist Unordnung, also lasst uns lieben!




Treppenreich Montmartre

Stufen über Stufen,
Treppen über Treppen,
Die Essenz des Viertels.
Sportliche Bewohner.
Gesundheit trainiert.
Kein Gang ohne Puste.
Wer hinabsteigt,
muss wieder hinauf.

Verschwiegene Orte.
Treppen an unerwarteten Orten,
zwischen zwei Häuserfluchten
springen sie hervor.

Im Morgengrauen
leichter Nebelvorhang,
geheimnisvolle Stimmung
im Treppenreich Montmartre.




Der Staub der Geschichte

Vergangenes verstreut viele Krumen,
manche Orte sind wie Lagunen,
dort sammelt sich der Geschichtsstaub,
dass es manchem Forscher nur so graut.

So viele verschiedene Schichten,
die es gilt zu untersuchen, ohne Dinge zu erdichten.
Äußerste Kompetenz ist gefragt,
unter dem hohen Druck so mancher versagt.

Zu viele Informationen überfordern
Und lassen so machen Spezialisten zurückbeordern
Seine treuen Suchtrupps.
Die finden sich unfreiwillig zu Hause: schwupps!




Ein hoffnungslos unfähiger Rekrut

Er missversteht jeden Befehl.
Alle seine Aktionen gehen fehl.
Beim ihm läuft wirklich gar nichts rund.
Er läuft sich seine Füße wund
und dennoch ist er quietschfidel.




Im Schuhparadies

Eine kleines Schuhparadies.
Von außen unscheinbar.
Schmales Gebäude,
eingebettet
in die rue du Faubourg St. Honoré.
Innen ein Paradies
für Schuhliebhaberinnen.

Jedes Material,
jede Farbe,
jede Form.

Hoch, flach
elegant, sportlich,
eckig, rund,
Lack, Velours
knallbunt, schwarz.

Ein nie versiegender Traum
für verwöhnte Füße.




Der weiße Kanal des namenlosen Flusses

Wasser?
Das führt er nur
an wenigen Stellen.

Chronische Ebbe
Permanenter Tiefstand
Wenige Wasserspuren auf weißem Beton

Einige fahren
mit dem Auto darin,
manch Dreiste
auch mit dem Motorrad.

Eine Wasserautobahn,
der neuen Art

So manches geschieht hier,
unbemerkt von der Stadt.
Blicke fallen nur selten hinein.

Unbemerkt,
kann hier Einiges steigen,
nur das Wasser,
tut es nicht.




Eine neue Show in der roten Mühle

Rot und silber,
Paillettenglanz.
Es funkeln die Kostüme,
es glänzen die Stiefel.

Die Tänzer schuften,
die Tänzerinnen proben,
die neue Show
verlangt alles
von jedem.

Die Aufführung muss
die Vorgängerin
übertrumpfen,
Träume entfachen,
nähren,
wachhalten.

Müdigkeit
inexistent,
Pausen
unerwünscht.
Es geht weiter,
the show must go on.




Temperamentvoller Schäferhund

Mit seinem lauten Bellen
will er alle Besucher verprellen.
Er zeigt gern seine Zähne
wedelt mit seiner Hundemähne
und will Eindringlinge stellen.




Einfach mal die Füße hochlegen

Zeit und Muße in der Tasche,
eine tannengrüne Bank,
sinnieren, schwadronieren, philosophieren.

Die Füße hochlegen,
den Parc Monceau betrachten,
den grünen Park,
vereinzelte Rosentupfer
rund um den Säulenteich.

Ein herrliches Fleckchen Erde
auf der Grenze
zwischen den vornehmen Arrondissements,
dem achten, dem siebzehnten.




Wir nehmen unsere Burger mit an den Pier

Ein anstrengender Urlaubstag
Ein einziges Hetzen von A nach B
Hier soll der Tag ausklingen,
in Ruhe Revue passieren lassen.

Der Strand geteilt vom langen Pier
Mit Burger laufen wir auf ihn
Das Meer wirft leichte Wellen,
der Wind angenehm kühlend.

Eine Diskussion entbrennt:
Was war der Höhepunkt des Tages?
Zusammen am Pier mit dem Burger in der Hand,
etwas Schöneres kann es nicht geben.




Unter fachkundiger Fremdenführung

Ein Fremdenführer mit Verstand
zeigt einem viel vom unbekannten Land.
Man möchte möglichst viel aufnehmen,
wird man sich doch nach der Fremde sehnen.
Wer weiß, wann man wieder dorthin gelangt?




Wer wohnt denn da im Turm?

Ein Turm zum Wohnen
im Herzen des 7. Arrondissements.
Tour Donati
entführt hoch hinaus.
Schweben über den Dächern
von Paris
in der Turmwohnung
der besonderen Art.

Aus dem Bullauge
spektakulärer Blick
auf den Eiffelturm.
Zimmer auf allen Etagen,
Wendeltreppe,
steile Stiegen.

Fit muss man sein,
die Einsamkeit lieben,
der Komfort
erschließt sich erst auf den
zweiten Blick.

Eine italienische Architektin
erfüllte ihren Traum
von einem Loft
in diesem Turm.
360°-Panorama von allen Zimmern aus.
Gardinen unnötig,
niemand blickt hinein,
die Bewohnerin indes über alle hinaus.

Ein Haus für Jüngere,
nichts fürs Alter,
oder doch?
Im Turm bleiben?
Über den Dingen sein,
mitten in Paris sein.
eine Lebensentscheidung!




Die glücklichen Vögel im Landschaftsschutzgebiet

Hier ist man Vogel,
hier darf man’s sein.
Im Landschaftsschutzgebiet
da ist ein Vogelparadies.

Fröhliches Gezwitscher
Munteres Flügelschlagen
Hungriges Gepicke

Die Kleinen fliegen unkontrolliert,
die Nester noch voll besetzt.
Eine Meeresbrise sorgt für Frische
Eine Luft, so sauber, wie auf offener See
Hier sind Vögel Könige
Der Platz steht ihnen zu.




Ende

© 2021 Nicolette Marquis https://www.carminis.de