2002-2003Gedicht

Gedicht und Limerick – Schaffensphase Juli – August 2002






Der Krieg mit dem Dekan

Fraktionen zersplittern
Ein Streit entfacht

Akademische Ränkespiele
Universität im Krieg

Eine Leitung,
die keine Führung ist.
So entsteht Ärger,
der immer schlimmer wird.

Eine hässliche Wendung
Intrigen in der Hochschule

Nun steht er allein da,
der Dekan.
Zwischen den Stühlen
Mit dem Rücken zur Wand

Ein Blatt gewendet,
ein unverhoffter Ausgang.
Ein Mann sieht rot
und wird gefährlich.

Wo normalerweise das Wissen regiert,
wird jetzt die Höflichkeit negiert.
Die akademische Abrechnung,
sie wird noch präsentiert.
Garantiert!




Fashion District und der Modekrieg

Konkurrenz aus Europa
Importierte Extravaganz
Die alte Welt,
beliefert die neue Welt.

Die Welle schwappt vom Atlantik,
dieses Mal in die andere Richtung.
Modischer Richtungswechsel
Mailand, Paris, London
Seltenes Modeschauspiel

Überlebenskampf des Fashion Districts
Heruntergekommener Eindruck
Prachtstraßen fehlen

Wo ein Glanz sich absentiert,
ein ganzer Industriezweig verliert.

Prachtvolle Infrastruktur
Tausendjährige Geschichte
Sie sind nicht zu erkennen,
nicht zu imitieren.

Die Modeillusion
hat zugeschlagen.
Vielleicht für lange Zeit.




Der Höhepunkt der Messe

Beim großen Moment der Messe,
fehlt es an Finesse.
Der Priester blickt nur finster drein
und spricht auf Latein.
Das gibt schlechte Presse.




Ein Restaurant mit Geschichte

Längst verhallte Schritte
unter dem blutroten Baldachin.
Weltbekannter Schriftzug
glänzt golden.
Die Tür
seltsam klein.
Wer lässt wen rein?
Verblasster Schein,
übertüncht mit Wein
roter Sitte.
Es ranken sich Blumen
aus Holz,
des vornehmen Hauses großer Stolz.
Versprühten sie Gift?
Dass man ihn hier nicht mehr trifft,
den edlen Zauber?
Verklungenes Klirren,
versunkene Bankette.
Wer respektiert noch die Etikette?

Das Osterei einst hier wachte
über der Vornehmen Nacht;
es – er – ist nicht mehr,
einige stört es sehr.
Vermissen seinen schweren Tritt,
wohltönende Stimme
und energischen Schritt.

Noch intakt ist das Dekor,
trägt indes leichten Trauerflor.
Wie lange kann sich die Stätte noch retten?
Bis sie gestehen muss,
dass hier nur noch Verdruss.




Ein herzallerliebster Platz

Kleiner süßer Platz,
versteckt, verschmitzt,
vergessen,
unbekannt.
Welch ein Glück!
Die Plache kennt keine
Touristenmassen.
Still versonnen liegt sie da,
nicht im großen Trubel,
mitten in untrüglicher Ruhe.

Nahezu ein Quadrat.
Ein paar Bäume,
ein paar Bänke.
Pariser Provinz.
Ein Kleinod.

Ehemaliges Kloster,
keine Spuren mehr
des religiösen Lebens.
Dorfalltag.
Café, Restaurant, Kneipe.
Hotel, winziges Geschäft.
Zu jeder Jahreszeit,
ein Glücksfall:
charmant, Stress gebannt,
in Ruhe verrannt.
Es ist der schönste Platz!
Zum Glück unbekannt.




Das Stiftungssteuersparmodell

Etwas Gutes für die Allgemeinheit machen
und dabei nicht mehr aufhören zu lachen.
Steuern weitestgehend umgehen
und dabei noch als „gemeinnützig“ durchgehen:
Ein „Dienst“ der Starken für die Schwachen!




Die Brücke der Künste

Filigrane Konstruktion über der Seine,
elegant, leichtfüßig.
Brücke zwischen Kunst und Wissenschaft.
Sehnsuchtsort!
Ort der ewigen Versprechen.
Voller Liebesschlösser,
überlastet,
zu befreien, um zu retten.

Sonnenglitzerndes Wasser
schimmert durch die Holzplanken.
Schwarzes Geländer glänzt im Licht.
Der Pont ist fest und leicht zugleich.
anmutig und praktisch zugleich.
Erlaubt nur Fußgänger,
die die 155 Meter genießerisch
langsam
zurücklegen.
Schon beim Betreten
automatisch
langsamerer
Schritt,
Pont gibt Tempo vor,
gestattet keine Eile.




Ein Doktortitel und fünf Sprachen fließend

Promovierter Polyglott
Linguistisches Ausnahmetalent
Fünf Sprachen
Und einen Titel
Was will man mehr?
Wer will mehr?
Der Arbeitsmarkt!

Die Sprachenkenntnis,
eine Randnotiz,
der Doktor nur ein Schmuckstück.
Geleistete Arbeit ist
nicht der Rede wert.

Ein Talent wird verramscht,
unter Wert verkauft,
ausgenutzt und ausgeplündert.




Straßenkirmes: Ablenkung in Attraktionen

Jahr ein, Jahr aus
Der Zeitpunkt bleibt,
dann kommt die Kirmes
in meine Stadt.

Ein Fest für Jung und Alt
Die Straße wird zum Jahrmarkt.
Riesenrad und bunte Lichter
Attraktionen aufgereiht
Fröhliche Gesichter
Keiner kennt hier Einsamkeit.

Eine Kleinstadt
geht aus sich heraus
und übertrifft sich selbst.

Ein magischer Festzeitpunkt,
einmalige Gelegenheit,
die schönste Seite meiner Stadt
zu bewundern.




Die Kirche der weißen Kutten

Versteckt, aber nicht klein.
Überraschend hell,
abgeschieden.
Ehemals Hort weißkuttiger Mönche,
heute nur noch im Namen erinnert
der Kirche,
der Straße.

Eine alte Dame kümmert sich
um Blumen am Altar,
um Kerzen,
um Prospekte am Eingang.
Verwunderung
über den seltenen Besuch,
aber dann ein Lächeln.

Es ist schön
hier bei den Blancs-Manteaux.
Einkehr,
Zur-Ruhe-Kommen,
Frieden.
Eine Kerze anzünden –
für andere und sich –
verändert wieder gehen,
Stimmung mitnehmen
ins Marais,
in die Welt.




Das erste Olympische Dorf

Olympioniken kommen,
strömen herbei.

Der Geist Olympias
wohnt zusammen,
in einem Dorf
das erste Mal.

Unterkünfte verbinden
Baldwin Hills steht Pate.

Brücken bauen zwischen Sportnationen.
Kontakte knüpfen trotz Wettbewerbs

Fairness neben Härte
Menschlicher Wettkampf

Die olympische Fackel,
sie wird hier entzündet.
Der Funke springt um
und erfasst die Welt.

Die Welt, sie kommt,
ein Dorf, das bleibt.

Ein Leerstand,
der nicht zum Stillstand führt.
Sonst war die ganze Bewegung
am Ende noch umsonst.

Wenn die ganze Welt
auf ein einziges Dorf blickt…




Brutale Begrüßung

Ein paar Schläge zur Begrüßung
dienen nicht der Kommunikationsversüßung.
Da brummt schon mal der Kopf,
da wackelt der Zopf.
Flucht wäre eine gute Erschließung!




Der Traum aller Tänzerinnen

Schlappen, Spitzenschuhe,
Tütüs, Trikots,
Stulpen…
Das Geschäft Repetto, der Tänzerinnentraum.
Weiß, rosa, flamingo,
zart orange,
überall Eleganz
auf schönen Holzregalen.

Klein und groß,
zart und plump,
Amateurin, Profi,
alle strömen hierhin.
Es geht auch nach Maß.
Handarbeit,
Präzision,
geschicktes Handwerk.

Der Schriftzug ist weltbekannt
im Tänzerinnenland.
Der Hauptsitz,
Rue de la Paix.
Eingebettet in Schönheit,
erstrahlt
der Laden
selbst als Grazie.

Rosa Tüten
eilen hinaus.
An die Ballettstangen,
auf die Bühnen!
Auf, auf, meine Eleven:
„Pas de deux!“




Von schmeichelhaften Anreden

Sehr Geehrte und Erlaucht
Adelstitel und Funktionen
Akademische Titel

Nicht alles sind Meriten,
die zu einem Titel führen.
Manches fällt einem in den Schoß,
wieder andere in ein Schloss.
Andere schreiben ab
in mühevoller Kleinarbeit!

Zahlreiche Anreden
Für alle Gelegenheiten
Für viele Erhabenheiten
Für Blaublütige und Arrogante

Für manche reicht eben kein Name,
da muss noch etwas hinzu…




Brunnen für einen kühlen Kopf

Nach bestandener Prüfung,
nach dem ganzen Ärger,
da hüpft er hinein,
in das kühle Nass.

Rein in den Brunnen,
den Luxus-Springbrunnen,
eine Kaskade der Abkühlung.

Lautes Gejohle
Die Menge klatscht
Der Schwimmer,
er wird bewundert.
Der traut sich was!
Der macht das einfach!

Andere folgen ihm.
Die Menge stürmt,
den kleinen Brunnen,
alle kühlen sich ab.

Das Wasser,
es läuft über
und stets
auch wieder nach.

Kreislauf des Wassers
Im Kreis des Lebens




„Hier kommt keiner durch!“

Das ist der Spruch vom Regiment,
das seine Grenzen zu schützen kennt.
Hier kommt einfach keiner vorbei,
weder für Durchlass, noch für Plauderei,
nicht mal für einen kurzen Moment.




Eine Grande Dame in schwarz-weiß

Schwarz-weißer Glanz,
Boutiquen überall gleich,
über Stadt verteilt.
Einlasskontrolle,
neueste Modelle
leuchten
um die Wette.
Hier in Paris scheinen
die Kleider echter,
die Röcke echter,
die Schuhe echter.

Frauen aus dem Häuschen,
schwenken Omahandtaschen
– fotografiert vor schwarz-weißem Schaufenster –
Bild für die Ewigkeit,
Erinnerung der Lächerlichkeit.

Feinste Handwerkskunst
hinter den schmucken Fassaden,
auch in Hinterhöfen
Horte der Näherinnen.
Ein großes Theater der Stoffe.
Premiere, Uraufführung
mehrmals im Jahr.
Im Sinne der Gründerin?
Fraglich.




Der französische Romangott

Der Schreibergigant,
die Feder an der Hand festgeklebt,
durchwachte Nächte
dem Kaffeerausch verfallen,
ein Leben zwischen
zwei Eingängen:
ewige Flucht vor Geldeintreibern.

Das Mammut frisst
seinen Meister:
la comédie humaine.
Ein Koloss in achtundachtzig
Teilen, unvollendet.
Panoptikum der französischen
Gesellschaft.
Romane und Erzählungen
weben den Gesamtteppich
des Gesellschaftsportraits.

Ins Internat ausgelagert,
triste Kindheit und Jugend,
die Mutter, das Grollmonster.

Der Juristerei entflohen,
Honoré de Balzac
aufs Literaturschiff gesprungen,
aufs Dramadeck geeilt,
die Lyrikecke gestreift,
in der Romankajüte geblieben.
Richtung Naturalismusmeer
gesegelt, ohne je anzukommen.
Sittenmaler seiner Zeit.




Die Handschrift Gottes

Das Schicksal hat uns ganz umwoben,
Kausalketten um uns herumtoben.
Der Lauf der Welt ist unklar,
die Zukunft unvorhersehbar.
Manchmal folgen düstere Episoden.




Der Compton-Woodley-Ghetto-Flughafen

Zu Compton
mag er nicht passen.
Ein Fremdkörper
hat sich eingeschlichen.

Einer, der niemals passen wird,
der keinesfalls dazugehören wird.
Ein Ghetto-Flughafen sui generis

Zwei Rollbahnen,
mehrere Hangars
Alles, etwas kleiner
und unscheinbarer
als beim Originalflughafen.

Sportflugzeuge,
die defilieren in Hülle und Fülle.
Besitzer, wohnen außerhalb.

Nach Compton zum Fliegen!
Merkwürdige Tradition
Ein Ghetto mit Sportflugzeugen
LA kennt eben doch alles.




Die rechte Frage zur rechten Zeit

Manchmal kommt die richtige Zeit
und dann ist man für eine Frage bereit.
Für die Frage, die alles entscheidet,
falls falsch beantwortet, man allzu sehr leidet.

Dann ist der Zeitpunkt absolut recht
und überhaupt nicht schlecht.
Denn einmal muss man sich der Frage stellen
und dann auch eine Antwort fällen.

Hat man dann eine Lösung parat,
ist diese diamantwert, tausend Karat.
Nur halten muss man sich daran!




Der Platz des Staatsgefängnisses

Der Republik wird gehuldigt.
Die Säule des Juli ragt königlich auf
in der Mitte des Platzes.
Der Opfer der Revolution wird gedacht.

Ort mit symbolischer Kraft.
Knotenpunkt für den Verkehr.
Elf Straßen treffen sich hier.
Der Canal Saint-Martin beginnt.
Demonstrationen,
Aufmärsche,
Großtreffen,
Magisch zieht der Platz sie an.

Trotz fehlender Fahrbahnlinien,
eine fabelhafte Sortierung
der Automobile.
Die Pariser kommen zurecht,
Touristen fahren mit Schrecken.

Gegenüber
der Bastille-Oper
verspricht
das Café gegenüber
eine stille Minute.
Eile, Verkehr
einfach mal ziehen lassen.




Wenn der Regen ins Zelt tropft

Wer geht schon gerne zelten?
Vielleicht damals bei den Kelten.
Aber heute ist das unangebracht,
wenn der Blitz herniederkracht.
Der Regen wird uns schelten.




Das Wasserschattenreich des Unterwasseruniversums

Fremde Welten
Ohne Sauerstoff
Nur wenig Licht
Doch sehr viel Schatten

Ein Universum öffnet sich,
für kurze Zeit,
Einblick gewinnen.

Unterwasserwesen
Evolutionäre Wunder
Eine spiegelverkehrte Entwicklung
Zeuge des Evolutionsprozesses

Wenn das Leben
andere Wege geht,
und niemals stillsteht,
ein DNA-Phänomen entsteht.

Es öffnet sich
ein Wasserschattenreich,
das Wunder beherbergt.




Durchatmen am Großstadtfluss

Durchatmen am Großstadtfluss.
Wo gibt es Wasserweite,
wo gibt es Wasserluft
wo gibt es Wasserbrise?

Wer glücklich flaniert
am Ufer,
die Schiffswellen
zählt,
von der Weite des Meeres
träumt.

Tropfentraum,
die Sonne glitzert auf
dem Wasser,
ein Nickerchen.
Salz riechen beim Erwachen,
die Füße ins Wasser
strecken,
am Großstadtmeer angekommen.




Hüteflattern auf der Zeremonie

Abschluss in der Tasche
Graduierung erreicht
Etwas geleistet,
auf das man
stolz ist.

Eine Feier zum Schluss
Das Beste am Ende
Ein letzter Gruß
Eine abschließende Rede
Und dann fliegen sie:
Die Hüte.

Sie fliegen wild durcheinander,
drehen um sich selbst,
wirbeln herum,
stoßen gegeneinander,
prallen ab
und landen mitten
auf die Absolventen.

Ein neuer Lebensabschnitt,
er hat sich gerade angekündigt.




Abgebrochene Musikprobe

Nach einer Phase der Konzentration
ist Abbruch doch keine Option!
Dennoch wird die Probe schnöde beendet,
das Orchester fühlt sich wie geschändet.
Welch bittere Musiklektion!




Kein Monat ohne Streik

Atemluft
der Stadt
abgewürgt
im monatlichen Streik:
Zug, Bus, Metro
schlafen selig
im Depot.

Die große Bremse
knirscht,
neue Parolen auf Plakaten,
alte Inhalte,
bunte Streikpullover,
Aufmerksamkeit
um jeden Preis.

Widerstand zwecklos,
das große Arrangieren
beginnt
jeden Monat
aufs Neue.
Altbekannt, lästig.
Die Umstände
als Tribut
erbracht.

Die Streikschlangen
züngeln
giftig
die Boulevards,
Straßen,
Plätze
entlang.
Ihr Biss gefürchtet,
ihr Gift langsam wirkend,
bisher kein Gegengift ersonnen.




Blade Runners Denkmal

Aufzug und Geländer
aus Gusseisen.
Ein Stil,
den man sonst kaum findet.

Harrison Ford,
er hatte dort seinen Auftritt.

Blade Runner und sein cineastisches Baudenkmal
Bradbury Building
Klingender Bote Hollywoods

Ein Treppenhaus,
das es nur einmal gibt.
Glasdach zum Durchscheinen

Eine einmalige Verbindung
dreier Elemente:
Eisen, Stein und Glas.
Die Mischung,
sie hat ihr
eigenes Element geschaffen.




Unübertroffene geistvolle Brillanz

Esprit und Witz
jagen den Schalk
durchs Werk.
Geschliffen,
zeitlos,
furchtlos.
Ein Mann zerschneidet
mit Worten
unrühmliche Taten,
sticht mit Sätzen
ins falsche Herz.

Ein Geist des Lichts,
Aufklärungsjünger,
Revolutionswegbereiter.
Voltaire: Wache Augen
verfolgen auf dem
Gemälde
den Betrachter.
Verschmitzte Mundwinkel
halten den
sarkastischen Witz,
die beißende Ironie
zurück.




Die Beruhigungsmassage

Zur Entspannung eine Massage
gegen die Nervensabotage!
Dann kann der Körper abschalten,
das Gehirn sich frei entfalten,
wie Sonnenblumen auf einer Plantage!




Abgefangen am Flughafen

Privatflughafen
im grünen Schoß
unendlicher Wiesen.
Geheimankunft
einer persona non grata.

Das illegale Sicherheitsnetz
infiltriert. Gespanntes Warten.
Der Privatjet
schwebt ein. Türen auf,
Treppen ausgeklappt.
Dröhnender Mafiaboss
donnert hinab.

Infiltratoren schlagen zu,
die Falle geglückt.
Handschellengeklicke.




Potemkinsche Häuser

Wohnhäuser,
nur noch Fassaden.
Keine Bewohner mehr.
Lüftungsschächte der Metro.
Fahrtwind weht hoch,
Zügeknarren.
Von außen nicht erkennbar,
Täuschung perfekt.
Haustüren, Fenster, Lampen
täuschen.
145, rue La Fayette
29, rue Quincampoix.

Ein Dutzend Fantomhäuser
Über die Stadt verteilt
Fassadensurrogate
Lebensimitation.
Passanten eilen vorbei
bemerken nicht
die toten Häuser.




Morgenstund hat Wohlgeruch in der Nase

Backstube,
eine frühe Dame,
schüttelt um vier Uhr
morgens ihre Glieder.
Sofort auf Volldampf,
glücklich nur im Hitzeschock.

Inmitten herrlicher
Croissant-Düfte
Baguette-Wohlgerüche
eilen
drei Verkäuferinnen
freundlich
hinter dem Tresen
hin und her.

Legionen
an Schokobrötchen
defilieren
morgens hinaus,
salutieren stolz,
künden vom
Können
des unsichtbaren Bäckers.




Große Milieuunterschiede

Das Proletariat und die Bourgeoisie,
die mögen sich wohl nimmer nie.
Bücher liest der eine gern,
der andere, der schaut lieber fern.
Annähern sollen sie sich wie?




Ein Örtchen zum Nachdenken

Versteckt am runden Platz
Saint-Georges liegt der Zugang
zu einem grünen Taschentuch.
Eine kleine grüne Lunge,
Platz für Kinder,
Erholung für Ältere.
Ein Örtchen zum Nachdenken.
Zur Ruhekommen.
Zum Durchatmen.

Ein kostbar gehütetes Geheimnis
der Einwohner des Viertels.
Blumen, Spielplatz, Bänke,
nichts fehlt.
Im Sommer
der Schatten der Eichen.
Ehemaliger Garten
eines Privathotels,
heute dürfen alle hier ruhen.




Wo bleibt der Neubau?

Graffitiüberschmiert.
Mit Wahlparolen übersät.
Die Bewohner lange verschwunden.
Die maroden Fensterrahmen von Holzkonstruktionen gestützt,
der Putz über der kaputten Tür abgebröckelt

Die Pizzeria Il Fratelo im Erdgeschoss aufgegeben,
das Eckkneipenrestaurant Blue Sky
verrammelt.

Eine Graffitiexplosion
kurz vor dem Abriss.
Als müsse sich verewigen,
was nur kurze Zeit währt.
2014 alles abgerissen,
die Nachbargebäude gestützt

Eine Häuserzeile verschwunden,
Jahrzehnte einfach ausgewischt.

Erstmal passiert nichts,
die Stützen stützen,
Die Wetterplanen schützen.

Warum entsteht nichts Neues?
2019 immer noch nur Sand
an der ehemaligen Adresse:
32, rue des trois frères.




Kofferraum: der unbequemste Platz im Auto

Ein Sitz ohne Aussicht und Licht
gefällt so manchem nicht.
Auch wird man in einer Limousine eingequetscht gar sehr,
das macht nicht gerade viel her.

Der Kofferraum, der traditionelle Platz
für einen ermordeten Schatz,
schnell will man ihn oder sie beseitigen,
bevor einem die Dinge endgültig entgleiten.

Freiwillig belegt kaum einer diesen Sitz,
es sei denn die Presse soll nicht kriegen spitz,
den Aufenthalt einer bekannten Person,
doch das stets eine mühsame Aktion.




Das Mauern von gotischen Wänden

Das Handwerk des Maurers
gleicht dem des Bildhauers:
Mit dem Stein wird etwas geschaffen,
das können die Leute dann begaffen,
wie das Hauptquartier des Freimaurers.




Zuckerbäckerstil im Morgengrauen

Der Stil
der Zuckerbäcker
wolkenverhangen.
Ein Hügel allein,
kein Mensch stieg
so früh schon hinauf.

Allmähliches Erwachen
der Lichter
auf der Straße,
in den Fensterscheiben.
Müde Blick schweifen
über die Hauptstadt.
Die Einwohner träumen noch
von Abgeschiedenheit,
luftigem Wind :
so früh am Morgen –
alles möglich.

Der Morgen graut
über Montmartre.
Ein Bild für die Götter:
verwaiste Treppen,
leere Straßen
schlängeln sich
rund um den Hügel,
Passagen noch im Schlaf
der Verwunschenen.
Das zeitige Bettverlassen lohnt!




Die dunkle Halle der Union Station

Kathedralenfenster bringen spärliches Licht
in dieser dunklen Halle.
Ein Steinzeugnis der besonderen Art
erwartet den Zugreisenden
und seine Gefährten.

Mächtige Kronleuchter,
sie hängen herab
und bringen kein Licht
ins Dunkel.

Dachbalken mächtigen Ausmaßes
Sie stützen und dominieren,
fangen den Blick ein,
hypnotisieren den Betrachter.

Eindruck eines Tunnels
Unterirdische Präsenz

Dort, wo das Tageslicht absorbiert,
so gänzlich aufgesogen wird
und dann verschwindet,
für lange Zeit,
vielleicht für immer.

Der Zug,
er fährt bald ab.




Die gigantische Spinnenstatue

Acht Beine huschen über den Rasen.
Auf ewig eingefroren.
Ein schwarzes Ungetüm
aus Metall
blickt über die erschrockenen Besucher,
über die faszinierten Besucher.

Eine Spinne in den Tuilerien,
monstergroß.
Kontrastprogramm zu den klassischen Statuen.
Vorübergehende Schockausstellung.
Botschaft?
Vielleicht keine.




Das unerträgliche Schnarchkonzert

Sein Schnarchen ist sehr laut.
Das stört enorm die Braut.
Während der Nachtruh
macht sie kein Auge zu,
ihr Haar ist schon ergraut.




Wer schläft denn da auf dem Hausboot?

Glückliche Stadtbewohner,
von der Seine in den Schlaf gewiegt,
die treiben auf dem Wasser,
gehören zur Stadt,
gehören ihr doch nicht.

Sie leben auf Kähnen,
den neuen Wasserwohnungen,
feiern ihre Freiheit,
zelebrieren ihre Unabhängigkeit.

Selten an Land,
sie betrachten den Trubel
lieber vom wogenden Wasser aus.
Vermeintliche Sicherheit.
Trügerische Sicherheit.




Sport bei den Pharaonen

Die einzige Pyramide auf der Welt,
die blau gefärbt ist:
Die Walter-Pyramide!

Eine Sportpyramide
Mehrzweckhalle mit Schrägdächern
Ägyptischer Baustil vergangener Zeiten
trifft auf modernen Sport.

Das Innere ist spektakulär geformt,
ein Dachkonstrukt der Seltenheit.
Eindrucksvolles Ambiente
für sportliche Betätigung.
So mancher Sieg sollte den
Pharaonen gewidmet werden!




Eine Hymne auf dem Dudelsack

Ein ungewöhnliches Instrument,
was da vor dem Bauch hängt.
Die Hymne ertönt mit Pfeifen,
als könne man sie greifen
bei diesem Orgel-Äquivalent.




Zarte Frühlingsknospen

Zart rosa
leuchten sie auf,
vor der weißen Kulisse Sacré-Cœurs,
einige auch schneeweiß.

Ein Frühlingshauch
weht über
den bekanntesten Hügel von Paris.

Die Frühlingsknospen
künden von Wärme, Licht, Aufbruch.

Bald wogt ein rosa Meer
über den Hügel
treibt ihn in Frühlingsgefühle,
eine weiße Gischtwelle folgt,
treibt die Hitze heran.




Im Dienst verstorben, im Park verehrt

Zu Ehren eines Polizisten,
der im Dienst verstarb,
wurde dieser Park,
nach ihm benannt.

Kleine Plakette
Unauffällige Schrift
Ein stolzer Hinweis

Sonniges Plätzchen
Nah am Wasser
Ein idealer Platz
Für eine Ruhepause
Und einmal Durchatmen

Eine kleine Andacht
für den verstorbenen Kollegen.
Ein paar Gedanken
für einen toten Helden.




Die charmante Buchhandlung in der Seitenstraße

Paris kennt tausend Seitenstraßen.
Und fast alle nennen
eine Buchhandlung ihr eigen.
Klein, charmant, behaglich.
Ein privater Bücherschrank,
ein Ort des Austauschs,
Bücher verbinden
die gestressten Pariser.

In der kleinen librairie
unter sich sein,
den Besitzer duzen,
einen Kaffee im Innenhof genießen.

Die Bücher locken an,
die Besitzerin kennt ihre Kunden,
sie legt Bücher zurück,
empfiehlt, wählt aus.
Der treue Kunde
verlässt sich auf sie,
sie kennt seinen Geschmack,
er schätzt ihren Spürsinn.

Für jeden ist das Richtige dabei
in der charmanten Buchhandlung
in der Pariser Seitenstraße.




Ende

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